
Prolog: Die Risse in der Fassade
Wir leben in einer Zeit, in der der Welt der Boden unter den Füssen zu entgleiten scheint. Die Nachrichten sind voll von Krisen: Kriege, Populismus, Klimakatastrophen, autoritäre Regime auf dem Vormarsch. Die Weltordnung, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg und verstärkt nach dem Kalten Krieg aufgebaut wurde, beginnt zu bröckeln – unter dem Gewicht geopolitischer Umbrüche, wirtschaftlicher Unsicherheit, technologischer Überforderung und eines globalen Vertrauensverlusts. Doch was steckt wirklich hinter dem Gefühl, dass unsere Zeit aus den Fugen geraten ist?
Die Illusion der Stabilität
Lange Zeit schien es, als sei die liberale Demokratie das „Ende der Geschichte“, wie es der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama nach dem Fall der Sowjetunion formulierte. Demokratie, Marktwirtschaft, Menschenrechte – das waren die Eckpfeiler einer scheinbar universellen Weltordnung. Doch diese Vorstellung war trügerisch. Sie übersah die Spannungen, die sich unter der Oberfläche aufbauten: die Ungleichverteilung des Wohlstands, die Entfremdung weiter Teile der Bevölkerung von der Politik, die kulturelle Fragmentierung, die sich durch Globalisierung und Migration verschärfte.
Diese Spannungen sind heute unübersehbar. Staaten wie die USA oder Großbritannien sind tief gespalten. Der Angriff Russlands auf die Ukraine markierte 2022 nicht nur einen Bruch des Völkerrechts, sondern auch das Ende einer Ära der sicher geglaubten Friedensordnung in Europa. Und in China wächst unter Xi Jinping ein autoritäres Modell heran, das gezielt als Gegenentwurf zur westlichen Demokratie präsentiert wird.
Der Aufstieg der starken Männer
Trump, Putin, Xi, Netanjahu, Orban, Erdogan – sie stehen exemplarisch für eine neue politische Realität: das Wiedererstarken autoritärer Führungsstile in einer Welt, die sich nach Orientierung und Kontrolle sehnt. Ihre Rezepte ähneln sich frappierend: Nationalismus, Feindbilder, Kontrolle der Medien, Schwächung der Justiz und Mobilisierung über Angst.
Dabei sind diese Führer nicht die Ursache, sondern das Symptom einer tiefer liegenden Krise. Sie spiegeln eine gesellschaftliche Sehnsucht wider nach einfachen Antworten in einer komplexen Welt. In Zeiten globaler Überforderung – durch Digitalisierung, Migration, Klimakrise – erscheint die Rückkehr zu autoritärer Klarheit für viele als verlockend. Die Demokratie wirkt dagegen oft langsam, zerstritten, kompromissgetrieben – ein Nachteil in einer Welt, die nach raschen Lösungen schreit.
Die Erosion der Demokratie
Der weltweite Trend zur Autokratisierung ist alarmierend. Laut dem V-Dem-Institut (Varieties of Democracy) erleben wir seit Jahren einen Rückgang demokratischer Standards weltweit. Selbst in etablierten Demokratien wie den USA oder Indien geraten Gewaltenteilung, Pressefreiheit und freie Wahlen unter Druck.
Die Demokratie steht also nicht nur von aussen unter Beschuss, sondern zerfällt vielerorts von innen. Die Gründe sind vielfältig:
Ökonomische Ungleichheit, die zu sozialem Frust führt.
Eine Politik, die sich oft in Elitenrhetorik verliert.
Eine digitale Öffentlichkeit, die weniger informiert als polarisiert.
Und nicht zuletzt: eine tief sitzende Angst vor Kontrollverlust in einer sich rasend schnell verändernden Welt.
Die Klimakrise – der vergessene Sturm
Während sich die Weltpolitik mit Machtspielen beschäftigt, rast ein viel grösserer Sturm auf uns zu: die Klimakatastrophe. Die Erde erwärmt sich in einem Tempo, das alle bisherigen Vorhersagen übertrifft. Die Gletscher schmelzen, der Meeresspiegel steigt, Extremwetter zerstört Existenzen. Und dennoch gelingt es kaum, politische Mehrheiten für radikale Kurswechsel zu gewinnen.
Warum? Weil die Logik der Demokratie – kurzfristige Wahlerfolge – oft im Widerspruch steht zur Logik der Nachhaltigkeit – langfristiges Denken. Die Klimakrise ist das Paradebeispiel für das Versagen politischer Systeme, sich auf das einzulassen, was jenseits der nächsten Wahlperiode liegt.
Die Verführung der Rechten
Inmitten dieser Krisen florieren populistische und rechtsradikale Bewegungen. Sie geben sich als Retter der „einfachen Leute“, bedienen Ängste und nostalgische Sehnsüchte nach einer überschaubaren, homogenen Welt. Ihre Erzählung ist verführerisch simpel: Schuld sind „die Anderen“ – Migranten, Eliten, Feministen, Wissenschaftler.
Was sie anbieten, ist nicht Lösung, sondern Entlastung. Die Verlockung liegt in der Entlastung vom Denken, vom Zweifeln, vom Aushalten von Komplexität. In einer Zeit der permanenten Überforderung wirkt dieser mentale Kurzschluss für viele wie eine Befreiung – auch wenn er die Freiheit langfristig zerstört.
Zwischen Hoffnung und Kollaps – Zukunftsszenarien
Wie wird die Zukunft aussehen? Niemand weiss es. Doch die Weichen stellen wir heute.
Im besten Fall gelingt uns ein globales Umdenken: Wir stärken demokratische Strukturen, überwinden die Spaltung durch Bildung und Empathie, und handeln entschlossen gegen die ökologische Zerstörung. Technologien werden dabei als Werkzeuge genutzt, nicht als Ersatz für Menschlichkeit.
Im schlimmsten Fall erleben wir eine Welt im permanenten Ausnahmezustand: Klimakrisen, Massenmigration, autoritäre Systeme, digitale Überwachung, Verteilungskriege um Wasser und Nahrung. Eine Dystopie, die sich schleichend verwirklicht.
Was bleibt: Die Verantwortung jedes Einzelnen
In dieser ungewissen Welt gibt es keinen Platz für Zynismus, aber auch keinen für naive Hoffnung. Wir müssen beides aushalten: die Dunkelheit der Gegenwart und die Möglichkeit einer anderen Zukunft. Demokratie ist kein Naturgesetz – sie lebt von Menschen, die sich einmischen, widersprechen, aufklären, handeln.
Die Welt ist komplex – aber das ist kein Grund, sie den Vereinfachern zu überlassen.
Epilog
Die Frage, wie unsere Welt in Zukunft aussieht, ist letztlich eine Frage nach dem Mut – zum Denken, zum Zweifeln, zum Handeln. Der Zerfall der alten Ordnung ist nicht das Ende. Er ist vielleicht der Anfang von etwas Neuem.
Doch dafür braucht es dich. Und uns alle.